Japanischer Garten:
Einführung und Überblick über die japanische Gartenkunst

Fuji-san

Typische japanische Landschaft Rikuchu Kaigan Küste, Iwate, ©a

Iwate

Fuji-San und Heda Mihama Golf, Shizuoka, ©a

Tokushima

Todoroki-no-taki, Tokushima, ©b

Shinto-Schrein

Shinto-Schrein Itsukushima-Jinja

Japanische Gärten interessieren und faszinieren viele Menschen des westlichen Kulturkreises. Diese Asienbegeisterung hat inzwischen auch viele Gartencenter und Baumärkte erreicht. Hier findet sich ein buntes Sammelsurium (leider) oft nur scheinbar japanischer Gartenartikel. Steinlaternen, Bambus, Fächerahorne, rote Tore, Buddha-Figuren und Gartenbonsais: Fertig ist der Japangarten?

 

D e n Japangarten gibt es nicht. Die japanische Gartenkunst hat eine weit über 1000-jährige Geschichte. Entsprechend komplex ist ihre Entwicklung und umso vielgestaltiger sind ihre Erscheinungsformen.

 

 

1. Hintergründe und Einflüsse
1.1 Die Landschaften Japans und der Shintoismus

Japan ist eine lang gestreckte Inselkette inmitten des Pazifiks. Insgesamt zählt man über 6.800 größere und kleinere Inseln, deren Felsküsten teilweise stark zerklüftet sind. Ungefähr 75 % der Gesamtfläche Japans bestehen dabei aus Gebirgslandschaften mit z. T. steilen Flanken, engen Tälern, heißen Quellen, zahllosen Flüssen und tosenden Wasserfällen. Aus diesen markanten Landschaftsstrukturen leitet sich das wichtigste, prototypische Bild bzw. Motiv des japanischen Gartens ab: steil aus dem Meer aufragende Berge mit vom Wind und Wetter gepeitschten Kiefern.

 

Die Vulkane, aus denen die Gebirgszüge entstanden sind, sind z. T. immer noch aktiv. Fast täglich ereignen sich in der gesamten Region kleinere, manchmal auch größere Erdbeben. Jedes Jahr ziehen mehrere Taifune über das Land. Diese Naturgewalten, die Hochwasser, Erdrutsche sowie den Verlust der landwirtschaftlichen Ernten bedeuten können, prägten tief das Herz des japanischen Volkes. Sie begründen die tiefe Ehrfurcht der Japaner vor der Natur, die sich bis heute erhalten hat.

 

In prähistorischer Zeit entwickelte sich aus ihr die animistische Naturreligion des Shintoismus. Dabei wurden - und werden heute immer noch - besondere Naturschöpfungen wie z. B. hohe Berge, Wasserfälle, ausdrucksvolle Felsen, alte, knorrige Bäume sowie Quellen als Wohnstätten der Götter und damit als heilige Orte verehrt. Um ihren besonderen Charakter zu betonen, wurden die Bereiche um die Heiligtümer in späteren Zeiten mit Kies bedeckt und für Reinigungsrituale verwendet. Die besondere Beziehung der japanischen Gartenkunst zu Steinen und Felsen, Wasser, charaktervollen Bäumen usw. wurzelt u. a. in diesen animistischen Vorstellungen. Die bekannten "roten Tore" markieren bis heute die Eingänge zu Shinto-Heiligtümern und haben mit der klassischen japanischen Gartenkunst dagegen nichts zu tun.

 

 

1.2 Kulturelle Einflüsse von außen

Japan liegt im chinesischen Kulturbereich wie z. B. auch Korea oder Vietnam. Insbesondere zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert n. Chr. haben die Japaner viele Elemente der hoch entwickelten chinesischen Kultur in ihre Kultur integriert. So kamen u. a. chinesische Schriftzeichen, Taoismus, Amida-Buddhismus, die Lehre des Feng Shui (chinesische Geomantie), Architektur, Städtebau und verschiedene Künste aus China nach Japan. Darunter im 6. oder 7. Jhdt. auch die Gartenkunst, die auf dem Festland bereits ein wichtiger Bestandteil eines kultivierten Lebens war. Unter diesem Einfluss wurden die ersten japanischen Gärten von chinesischen oder koreanischen Gärtnern vermutlich ohne große Veränderungen nach den Vorbildern auf dem Festland nachgebaut. Diese Gärten dienten als Vergnügungsgärten und -parks zum Bootfahren, Feiern oder Spazierengehen.

 

 

2 Geschichte, Gartenstile und Charakteristika japanischer Gartenkunst

Eine eigene japanische Gartenkunst entwickelte sich erst ab dem 9./10. Jahrhundert, als der Einfluss der chinesischen Kultur abnahm. 794 n. Chr. war die Hauptstadt des Landes nach Heian-Kyõ, dem heutigen Kyoto, verlegt worden. Mit dem Umzug nahmen die Beziehungen zum Kaiserreich China ab, was zu einer Zeit nationaler Gesinnung führte. 100 Jahre später waren die diplomatischen Beziehungen zu China ganz eingestellt worden.

 

Standort und Grundriss von Heian-Ky wurden nach den Regeln der Geomantie ausgesucht und angelegt. Mit Gründung der neuen Hauptstadt begannen Entfaltung, Reifung und schließlich auch Blüte einer eigenen japanischen Kultur mit eigenen Schriftzeichen, Literatur, Gedichten, Malerei, Theater, Architektur usw. Kyoto war über einen Zeitraum von fast 1000 Jahren das geistige und kulturelle Zentrum des Landes - und ist bis heute das Zentrum der japanischen Gartenkunst. Unter dem Einfluss der jeweiligen politischen Situation und Gesellschafts-Ordnung von Religion und Weltanschauungen entwickelten sich seit dieser Zeit im Wesentlichen vier verschiedene Gartentypen:

 

  • Teich- und Inselgarten der Heian-Zeit* (9. - 12. Jhdt.)
  • Betrachtungsgarten der Kamakura- und Muromachi-Zeit* (Ende 12. - 16. Jhdt.)
  • Teegarten der Momoyama- und frühen Edo-Zeit* (ab 16./17. Jhdt.)
  • Wandelgarten der Edo-Zeit* (17. - 19. Jhdt.)

 

In der Realität gibt es dabei natürlich fließende Übergänge sowie Mischformen. Des Weiteren wurden Motive und charakteristische Gestaltungsmittel der verschiedenen Typen auch zu späteren Zeiten weiterentwickelt, abgewandelt und modifiziert. Neben diesen Haupttypen gibt es als Sonderform noch kleine Innenhofgärten, den so genannten Tsubo-Garten.

 

 
 

Byodo-in, Uji, ©a

in Heian-styl nachgebauter Garten, Heian-Jingu, Kyoto, ©a

Ein in heutiger Zeit nachempfundenes Fest der Heian-Zeit, Kyokusui no en im Motsu-ji Iwate, ©c

2.1 Teich- und Inselgärten der höfischen Kultur zur Heian-Zeit (9.-12. Jhdt.)

Der Grundstein der goldenen Heian-Zeit wurde im Jahre 794 n. Chr. gelegt, als die Hauptstadt des Reiches von Heijo-kyo (heute Nara) nach Heian-kyo (heute Kyoto) verlegt wurde. Die neue Hauptstadt basierte auf einem strengen rechtwinkligen städtebaulichen Raster, in das sich die Residenzen des Adels einfügen mussten. Auch wenn keine Original-Gärten aus dieser Zeit mehr vorhanden sind, kennt man aus verschiedenen Quellen das Gestaltungsprinzip: Lage, Größe und Qualität der Anlagen bestimmten sich zwar nach dem gesellschaftlichen Rang, die Grundform jedoch blieb immer gleich:

 

Die Anwesen waren bauliche Ensemble aus mehreren, mit überdachten Korridoren verbundenen Hallen. Die Gärten waren - den Gesetzen der Geomantie folgend - nach Süden ausgerichtet. Sie lagen zentral vor der Haupthalle, die mit ihren seitlichen, weit nach Süden reichenden Korridoren sowie den umgebenden hohen Mauern einen schützenden Rahmen boten ("Lehnstuhl-Architektur"). Am Hof von Heian wurden die japanische Kultur, Kunst und Sitten zu höchster Verfeinerung geführt. Den Mittelpunkt der höfischen Kultur bildete dabei die Ästhetik: eine gesteigerte Empfänglichkeit und Sensibilität für subtile Schönheit und feine Eleganz. Zentrale Rolle spielte die Poesie, die die anderen Künste stark beeinflusste. Die Gärten mussten für dieses Leben das passende Ambiente bieten: Die Adeligen wünschten sich eine beeindruckend schöne Landschaft im eigenen Garten, um hier Gedichte zu schreiben und zu lesen, Dichterwettbewerbe abzuhalten, zu musizieren, sich zu vergnügen, Feste zu feiern oder sich einfach nur vom Anblick des Gartens inspirieren und berühren zu lassen. Die Gärten waren bunt und farbenfroh, wobei die vier Jahreszeiten sowie die Schönheit berühmter Naturlandschaften eine besondere Rolle spielten.

 

Eine ebene (Sand)Fläche vor der Haupthalle gab "Raum" und stand für Zeremonien oder Veranstaltungen wie z. B. Bogenschießen zur Verfügung. Einige Pflanzen und Bäume betonten die Randbereiche. Das Zentrum des Gartens bestand aus einem großen, unregelmäßig geformten Teich mit Brücken und Inseln, der mit Booten befahren werden konnte und oft von einem scheinbar natürlich gewundenen Bachlauf gespeist wurde. Der Kontrast zwischen diesen "natürlichen" Formen und der strengen Formalität der Architektur ist bis heute ein Charakteristikum des japanischen Gartens.

 

Die Garten-Szenen waren zum einen symbolische Darstellungen wie z. B. die Insel Horai, auf der nach taoistischem Mythos ein Unsterblichkeit verleihendes Lebenselixier zu finden sei. Zum anderen wurden sie der Literatur, (chinesischen) Malereien oder realen japanischen Landschaften entlehnt, wobei das Vorbild "Natur" von den Gartengestaltern intensiv studiert wurde. Ziel war jedoch nicht, die Natur real nachzuahmen bzw. "en miniature" zu kopieren. Vielmehr stand im Vordergrund, ein Verständnis für die Natur zu erlangen, um Wasser, Pflanzen und Steine "ihrer Natur" gemäß im Garten einzusetzen und damit den spezifischen genius loci zu erfassen und auszudrücken. Gärten waren Kunstwerke, nach den Gesetzen von Harmonie und Proportion gestaltet, die das Wesentliche der Natur aufgriffen und verkörperten, also die Essenz der Natur darstellten. Wichtigstes Gestaltungsprinzip war, Harmonie zwischen Menschen, Gebäuden, dem Garten und der Umgebung zu erzeugen. Trotz des Stadtlebens sollten die Nutzer das Gefühl haben, inmitten der Natur zu sein bzw. sich mit mit ihr "eins" zu fühlen. Diese Gestaltungsprinzipien gelten in Japan bis heute.

 

Den Residenzgärten äußerlich sehr ähnlich waren die Paradies-Gärten an den Tempeln des Amida-Buddhismus. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren Hintergrundphilosophien. Die Paradies-Gärten symbolisieren das buddhistische Paradies mit dem "Juwelenteich", wie es in buddhistischen Schriften beschrieben wird. An die Stelle des Residenzgebäudes tritt die Amida-Halle.

 

 

 
Ryoan-ji, Kyoto

Ryoan-ji, Kyoto

Ryogen-in, Kyoto

Ryogen-in, Kyoto

Konchi-in, Kyoto

Konchi-in, Kyoto

Ryogen-in, Kyoto

Ryogen-in, Kyoto

2.2 Betrachtungsgärten der Zen-Tempel und der Samurai (Ende 12. - 16. Jhdt.)

Der Prototyp des Betrachtungsgartens ist charakteristisch für die Zeit der zweiten großen Welle chinesischen Einflusses, v. a. des Zen-(chin. Chan-)Buddhismus und der chinesischen Landschaftsmalerei. In Europa wird er auch als "Zen-Garten" bezeichnet und gilt hierzulande wohl als "Japanischer Garten" schlechthin. Die Bezeichnung Zen-Garten ist allerdings eine rein westliche Benennung. Wissenschaftlich ist umstritten, wie stark der Einfluss des Zen tatsächlich war. In Japan nennt man diesen Gartentyp "Kare sansui-Garten". Kare bedeutet vertrocknet, sansui wörtlich Berg und Wasser - übertragen Landschaft. In den Betrachtungsgärten gibt es kein Wasser mehr. Zur Vollendung gelangt der Garten durch ausgefeilte Steinsetzungen und die geschickte Anordnung und Gestaltung von Kies und Kiesflächen. Pflanzen werden meist zurückhaltend eingesetzt oder fehlen sogar ganz.

 

Der "leere Raum" und die Reduktion werden zu wesentlichen Gestaltungsmitteln. In ihrer Schlichtheit besitzen diese Gärten eine intensive Kraft, die am treffendsten mit dem Zitat "weniger ist mehr" charakterisiert werden kann. Die Gründe, die zur Verbreitung und Reifung der Betrachtungsgärten führten, sind vielfältig und verstärkten sich teilweise gegenseitig: Faktisch hatte die Kriegerschicht die Macht übernommen, was zu einen männlich-harten Ton in der Gesellschaft führte. Der Architektur-Stil hatte sich geändert - die Paläste der Shogune und Samurai waren deutlich kleiner als die der Aristokratie der Heian-Zeit. Auch die Verbreitung des Zen-Buddhismus, der durch die Samurai sehr gefördert wurde, sowie die chinesische Landschafts-Malerei der Song-Dynastie förderten die Betrachtungsgärten. Der neue Gartenstil entsprach dem Geschmack der Zen-Mönche und Samurai. Gärten waren nicht länger Orte der Lustbarkeit, sondern repräsentierten in ihrer Schlichtheit, Klarheit und Kraft deren Werte. Die Schönheit des Einfachen sowie der schmucklosen Strenge und damit eine Verachtung der Oberflächlichkeit und des Ornaments wurden zum Primat erhoben. Außerdem erlaubte der neue Gartenstil den Samurai, den neu gewonnen Status als Machthaber auch durch einen neuen, von der höfischen Kultur abweichenden Lebensstil zu demonstrieren.

 

Hinzu kam, dass das japanische Mittelalter eine Zeit gesellschaftlicher Instabilität und starker kriegerischer Auseinandersetzungen war. Gärten wurden zu Orten der Zurückgezogenheit als Gegenpol zu der Gewalttätigkeit der Zeit. Neu ist dabei, dass nun nicht mehr die Adeligen als Gartengestalter auftreten, sondern Zen-Mönche und professionelle Gartengestalter. Die Gärten sind nicht für eine Begehung konzipiert, sondern werden vom Haus bzw. der Veranda aus betrachtet. Teilweise muten sie wie Gemälde mit beachtlicher Tiefenwirkung an. Wie die chinesischen Landschaftsmalereien sind auch sie oft monochrom (einfarbig) gehalten. Grundlegendes Gestaltungsprinzip des Kare-Sansui-Stils ist genauso wie beim Teichgarten die Naturlandschaft. Im Unterschied zu diesem wird die Natur aber wesentlich abstrakter dargestellt: Steine symbolisieren Berge und Wasserfälle, geharkte Kiesflächen Wasserläufe oder das Meer. Statt auf die szenischen Abbilder der Natur und damit auf die äußere Erscheinungsform scheinen die Gartengestalter nun sehr viel stärker auf die "inneren Qualitäten und Geheimnisse" der Natur zu zielen: Sie wollen hinter die sichtbaren Aspekte der Welt blicken, um eine verborgene, tiefgründige, übergeordnete Wahrheit aufzudecken. So formuliert Nitschke: " Es scheint , dass das Auge des Gartenkünstlers der Muromachi-Zeit etwas Tiefes über die Natur der Steine erkannt hat, was er durch seine Steinsetzungen sichtbar machen will." (Nitschke, 1999, S. 106).

 

 

 
Wartebank in Katsura-rikyu, Kyoto

Wartebank in Katsura-rikyu, Kyoto

Schöpfbecken und Steinlaterne, Yame

Schöpfbecken und Steinlaterne, Yame

Roji, Trittsteine in Teegarten, Fukuoka

Roji, Trittsteine in Teegarten, Fukuoka

Teehaus, Kurume

Teehaus, Kurume

2.3 Teegärten der Momoyama- und frühen Edo-Zeit (ab 16./17. Jhdt.)

Grüner Tee kam bereits im 8. Jahrhundert aus China nach Japan. In der Anfangszeit wurde er ausschließlich als Medizin verwendet, später wegen seiner anregenden Wirkung z. B. auch zur Unterstützung der Meditation eingesetzt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Gewohnheit, grünen Tee auch als Getränk zu verwenden, so dass er in immer mehr Gegenden Japans angebaut wurde. Vermutlich war es der Mönch Murata Shuko, der Ende des 15. Jahrhunderts "Teetrinken" in Form der schlichten Teezeremonie als spirituelle Praxis entwickelte - als Gegenreaktion zu der Prunk und Pomp liebenden Momoyama-Zeit. Als Vollender der Teezeremonie im 16. Jhd. gilt allgemein der Teemeister Sen no Rikyu.

 

Die Teezeremonie ist eine Übung zur Schulung der Achtsamkeit durch einfachste alltägliche Handlungen: Gehen, Sitzen, Trinken - im Hier und Jetzt: Bewusst und achtsam trinken die Gäste in aller Stille eine Tasse Tee. Fern aller Standesunterschiede erlebt jeder dankbar die Freude harmonischen Zusammenseins, achtsam und respektvoll sich selbst, den Andern sowie der Umgebung gegenüber.

 

Für eine Teezeremonie benötigt man einen Teepavillon und einen Teegarten. Nach außen erweckt der Teepavillon den Eindruck einer kleinen, einfachen, fast rustikalen Berghütte (soan = strohbedeckte Hütte). In Wirklichkeit ist er aber nach ausgeklügelten, ästhetischen Prinzipien und aus ausgewählten hochwertigen Materialien gebaut. Die Bezeichnung "roji" für den Teegarten bedeutet Durchgang, Pfad oder taubedeckter Weg. Der Teegarten dient nicht nur dem Teepavillon als angemessene Umgebung, sondern ist vielmehr essenzieller Bestandteil des "Tee-Weges" (chado) selbst. Entsprechend ist auch das Gehen durch den Garten eine Übung der Achtsamkeit, ein Weg, um geistige Ruhe und Gelassenheit zu erlangen.

 

Der Teegarten soll wie der Pavillon eine ländlich-einfache Atmosphäre erzeugen. Die Gäste sollen sich im Teegarten fühlen, als wären sie in einer schattig-erfrischenden, ruhigen Waldlandschaft unterwegs, fern der Aktivitäten und damit auch Probleme des Stadt- bzw. Alltagslebens - auch wenn sich die Teegärten gerade inmitten der Städte und damit auch auf kleinem Raum befinden. Neben unauffällig blühenden, meist immergrünen Gehölzen bestimmt daher v. a. Moos als Bodendecker die Gestaltung. Die Schlichtheit der Teegärten ist also - im Gegensatz z. B. zu den kare-sansui-Gärten - von sehr viel alltäglicherer, "einfacher" Art.

 

Teegärten sind meist in einen äußeren und einen inneren Garten geteilt, zuweilen werden aber auch mehrere Gärten hintereinander durchschritten. Zäune und Tore begrenzen die einzelnen Gärten. Sie sind jedoch nicht als Barriere gedacht, sondern symbolisieren das Eintreten in eine tiefere Bewusstseinsebene. Gezielt gelegte Trittsteine verlangsamen den Schritt und erhöhen die Achtsamkeit. Sie, lenken den Weg so, dass die Schönheiten des Gartens erlebt und die verschiedenen Abschnitte der Zeremonie "durchlaufen" werden können. Wichtige Elemente eines Teegartens sind des Weiteren Wartebänke, Schöpfsteine, die der zeremoniellen Reinigung dienen, sowie Steinlaternen zur Beleuchtung bei abendlichen Treffen.

 

Im Gehen durch den Teegarten lassen die Gäste ihre alltäglichen Themen, Schwierigkeiten oder auch geistigen Unreinheiten hinter sich. Der Garten in seiner (scheinbar) naturbelassenen, ungekünstelten Natürlichkeit wird zur äußeren Entsprechung eines inneren Weges, auf dem sich die Teilnehmer auf das intensive Zusammen-Sein vorbereiten.

 

 

 
Typischer Wandelgarten

Typischer Wandelgarten, Ritsurin-koen Kagawa, ©a

Syugakuin-rikyu, Kyoto

Syugakuin-rikyu, Kyoto

Rokugi-en, Tokyo

Rokugi-en, Tokyo

Katsura-rikyu, Kyoto

Katsura-rikyu, Kyoto

2.4 Wandelgärten der Aristokraten und Daimyo der Edo-Zeit (17.-19. Jhdt.)

In der Edo-Zeit, die im Gegensatz zu den vorangegangenen Epochen eine Zeit lang anhaltendenden Friedens und gesellschaftlicher Stabilität war, entwickelte sich schließlich als neuer Prototyp der Wandelgarten. Hierbei handelt es sich um säkulare (weltliche), von professionellen Gartenkünstlern für Aristokraten und Daimyo (Territorial-Fürsten aus der Schicht der Samurai) angelegte, äußerst großzügige Palastgärten. Sie stehen insofern ganz in der Tradition der Residenzgärten der Heian-Zeit. Die Daimyo hatten genügend Zeit, Geld und Energie, sich der Gartenkunst zu widmen. Dabei stand in der neuen Hauptstadt Edo (heute Tokyo) sowie auf den weiträumigen Landgütern der Daimyo so viel Platz wie nie zuvor zur Verfügung, so dass oft über Generationen hinweg großzügige, weitläufige Gartenanlagen ausgebaut und erweitert wurden.

 

Die prachtvoll ausgestalteten Parks dienten der Unterhaltung und dem Vergnügen, aber auch der Selbstdarstellung und Zur-Schau-Stellung von Reichtum und Rang, um auf diese Weise die nach wie vor bestehenden Rivalitäten zwischen den Daimyo auszutragen.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Entwicklung dieses Gartenstils war die wachsende Popularität von Pilgerreisen. Sie dienten einerseits spirituellen Zwecken, waren aber andererseits auch Ersatz für Reisen mit Besichtigung von Landschaften und Sehenswürdigkeiten, nachdem die Zentralregierung Reisebeschränkungen verhängt hatte. Eine reiche Auswahl an Reiseführern mit Beschreibungen berühmter Orte, schöner Aussichten usw. inspirierten Auftraggeber und Gartenkünstler.

 

Charakteristisch für die Gärten ist ein Wandel-Pfad, der wie ein roter Faden durch den Park führt und dem Besucher wie an einer Perlenschnur eine höchst abwechslungsreiche und faszinierende Abfolge schöner Ausblicke oder interessanter Szenerien eröffnet. Hierbei handelt es sich oft um Nachbildungen berühmter malerischer Naturschönheiten (z. B. Berg Fuji, Halbinsel Ama no hashidate) oder fiktiver Landschaften aus der Literatur. Es finden sich auch symbolische Darstellungen. Oft werden die Szenen auf dem Rundweg zunächst enthüllt, dann wieder verhüllt, um zu einem späteren Zeitpunkt aus einer anderen Perspektive erneut präsentiert zu werden.

 

Gestalterisch findet man in den Gärten Elemente aus nahezu allen vorangegangenen Epochen und Gartenstilen, wie z. B. Hügel, Teiche, Inseln, Brücken, echte und trockene Wasserfälle und Bachläufe, Gartensituationen, die auf die Betrachtung von einem Punkt aus angelegt sind sowie Elemente der Teegärten wie z. B. Teehäuser, Wartebänke und Trittsteine, mehr jedoch aus dekorativen denn spirituellen Gründen. Gerne wurden auch Elemente der umgebenden Landschaft wie z. B. bestehende Heiligtümer oder Reisfelder integriert. Besonders beliebt war die Technik der "geborgten Landschaft" (shakkei), bei der zur optischen Erweiterung der Gärten ferne Hügelketten, Berge oder Tempel in die Komposition bewusst einbezogen wurden. Die Bedeutung der Steinsetzungen nahm insgesamt ab, die der Pflanzen dafür zu.

 

Die Gärten sind darauf angelegt, die Natur in ihrer äußeren Erscheinungsform nachzuahmen und dabei eine liebliche, beschwingt-heitere Atmosphäre zu erzeugen. Sie sind nicht mehr Ausdruck der Geheimnisse der Natur, sondern vielmehr eine Bühne, auf der "beeindruckende Aussichten" inszeniert und zur Schau gestellt werden.

 

 

 
Ryogen-in, Kyoto

Ryogen-in, Kyoto

2.5 Tsubo-Gärten des Bürgertums der Edo-Zeit

Der Tsubo-Garten, wie wir ihn heute kennen, entstand aus den gesellschaftlichen Veränderungen i. V. m. den städtischen Baubedingungen der Edo-Zeit, auch wenn es erste Vorläufer bereits zur Heian-Zeit gab. Seit dem 16. Jahrhundert wuchs in den Städten allmählich eine reiche, vorwiegend aus Kaufleuten bestehende Oberschicht, die die finanziellen Möglichkeiten hatten, ihr Wohnumfeld mit Ästhetik und Geschmack gestalten zu lassen. Da sich die Steuern nach der Breite der Straßenfront richteten, waren Häuser bzw. Grundstücke meist schmal, dafür aber sehr langgestreckt. Die Gebäude grenzten seitlich fast unmittelbar aneinander. Die Tsubo-Gärten sollten Licht und frische Luft in die Räume bringen und lagen daher als kleine Innenhöfe in der Mitte der Gebäude oder am Rand, in Nischen oder Rücksprüngen. Daher auch der Name: Tsubo kann übersetzt werden mit "Topf" oder "umschlossener Raum", aber auch mit Maßeinheit für eine Fläche (entsprechend ungefähr 3,30 m²).

 

Die Tsubo-Gärten wurden meist nicht betreten, sondern von den umliegenden Räumen aus betrachtet. Ein Tsubo-Garten ist auf Grund der Größe und der Innenhoflage meistens schlicht gestaltet - z. B. mit wenigen, meist kleinwüchsigen Sträuchern, Steinlaterne, Schöpfstein, Kiesflächen und ggf. Steinsetzungen bzw. Trittsteinen. Deutlich ist der gestalterische Einfluss der Kare-Sansui-Gärten und v. a. der Teegärten, denn die Welt des Tees galt in der Edo-Zeit als Synonym für hohe Kultur.

 

 

3 Das Wesen japanischer Gartenkunst

Von Europäern wird immer wieder die Frage nach der Bedeutung japanischer Gärten gestellt.
"D e n" Japangarten gibt es jedoch nicht, vielmehr drückt sich die japanische Gartenkunst in einer breiten Palette von Gestaltungsstilen aus, denen teilweise ganz unterschiedliche ästhetische und weltanschauliche Idealvorstellungen zu Grunde liegen: von weitläufigen Parkanlagen bis hin zu den winzig kleinen Tsubo-Gärten, von spirituell motivierten Anlagen bis hin zu Gärten für Repräsentationszwecke und Unterhaltung.

 

Häufig wurden Symbole oder Anspielungen auf mystische und spirituelle Vorstellungen sowie literarische oder reale Landschaften verwendet, die für Japaner verständlich sind und zum Begriffs-Kanon gehören. Aber versteht man erst mit diesem "Wissen" die japanische Gartenkunst oder erlebt man sie dadurch tiefer?

 

Über all die Unterschiede hinweg gibt es eine faszinierende Gemeinsamkeit: die tiefe, berührende, fast beruhigende Wirkung, die japanische Gärten auf ihre Besucher ausüben. Es ist dabei v. a. der spezifische Umgang mit Natur im japanischen Garten, das Bestreben der Gärtner, in den Gärten Natur "ihrem Wesen nach" nachzubilden. Hinzu kommt die Verwendung archetypischer Bilder (Meer, Berge, Felsen, "alte" Bäume, Wasser etc.), die Menschen von jeher inspirierten.

 

Japanische Gärten laden dazu ein, sie mit allen Sinnen zu erleben und sich tief auf sie einzulassen. Hierdurch entsteht ein intuitives Verstehen mit dem Herzen. Und gerade das scheint in unserer "verkopften", einseitig rational geprägten Welt notwendig. Japanische Gärten sprechen viele Menschen an, weil sie gerade hierfür Raum bieten.

 

Die Frage, ob japanische Gärten nach Europa passen, möchte ich gerne dem Leser überlassen. Ein wichtiger Punkt scheint mir zu sein, wie japanische Gärten hier gebaut werden. In Japan wurden zuerst die chinesischen Vorbilder kopiert, dann jedoch eine ganz eigene Gartenkunst entwickelt. Gartengestaltung kann so verstanden auch zu einem Dialog zwischen Ost und West führen, der bereichert. Dabei geht es nicht um stereotype Kopie. Es geht vielmehr darum, sich die Gestaltungsprinzipien - allen voran die tiefe Beziehung zur Natur - zu eigen machen und daraus - mit den hier zur Verfügung stehenden Materialien wie Steinen aus der Region und einheimischen Pflanzen - ganz eigene Gärten zu schaffen, die genau das auszudrücken und anzusprechen vermögen. Dies kann gelingen, wenn man sich auf den jeweiligen Ort, seine Umgebung, die Pflanzen, Steine und natürlich auch die Menschen tief einlässt: "Wie möchte der Baum wachsen, wie der Stein liegen?" Und auch hier gilt wie so oft: Weniger ist oft mehr. So können auch hier "authentische" japanische Gärten entstehen.

 

 

Deutschsprachige Literaturauswahl:
- Marc Peter Keane: Gestaltung japanischer Gärten, Ulmer, 1999
- Jirõ Takei & Marc Peter Keane: Sakuteiki oder die Kunst des Japanischen Gartens - die Regeln zur Anlage und Gestaltung aus den historischen Schriftrollen der Heian-Zeit, Ulmer, 2004
- Günther Nitschke: Japanische Gärten, Taschen, 1999


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